Ein Betrieb, der in einer Generation explodiert ist

Johann Scheiblhofer gründete das Weingut 1983 in Andau, ganz im Osten des Seewinkels, wenige Kilometer vor der ungarischen Grenze. Es war ein Betrieb, wie es damals im Burgenland viele gab: Wein neben anderer Landwirtschaft, Fassweinverkauf, ein überschaubarer Radius.

Im Jahr 2000 übernahm sein Sohn Erich, damals 22 Jahre alt. Was in den 25 Jahren danach passierte, hat mit dem Ausgangspunkt wenig zu tun. Heute bewirtschaftet das Weingut Scheiblhofer 85 Hektar Eigenfläche und zählt damit zu den größten Weingütern Österreichs. Die Produktion liegt bei rund 1,5 Millionen Flaschen pro Jahr, aufgeteilt in etwa 70 Prozent Rot- und 30 Prozent Weißwein. Über 70 Menschen arbeiten im Unternehmen.

Johann Scheiblhofer starb 2022 im Alter von 73 Jahren. Sein Spitzname lebt auf dem meistverkauften Wein des Hauses weiter.

Andau ist der Hitzepol

Andau liegt im südöstlichen Zipfel des Weinbaugebiets Neusiedlersee, das mit rund 6.000 Hektar das größte Herkunftsgebiet des Burgenlands ist. Neusiedlersee DAC gibt es seit 2011 für trockene Rotweine und seit 2020 für edelsüße Weißweine.

Der Ort gilt als einer der wärmsten Punkte Österreichs: die meisten Sonnenstunden, die höchsten Temperaturspitzen, dazu trockene pannonische Sommer. Die Böden sind kalkhaltige Schotterbetten mit sandig-lehmigen Anteilen, die Wasser rasch durchlassen und tagsüber Wärme speichern. Für Zweigelt, Merlot und Cabernet Sauvignon sind das Bedingungen, die weiter westlich in Österreich schlicht nicht vorkommen. Der See selbst puffert die Nächte ab, weil er die Tageshitze speichert und langsam abgibt - das ist der Grund, warum die Weine trotz der Reife noch Säure behalten.

Genau daraus ergibt sich der Stil des Hauses: dichte, warme, fruchtbetonte Rotweine mit spürbarem Holz. Das ist kein burgundisch gedachter Wein, und es will auch keiner sein.

Big John - der Wein, der den Betrieb getragen hat

Der Big John ist der bekannteste österreichische Rotwein, den viele Käufer nennen können, ohne den Betrieb dahinter zu kennen. Erich Scheiblhofer entwickelte ihn vor gut zwanzig Jahren gemeinsam mit seinem Bruder Harald, benannt nach dem Vater.

Die Cuvée Reserve besteht aus Zweigelt, Cabernet Sauvignon und Pinot Noir, hat 14 Prozent Alkohol und reift zwölf Monate im Barrique. Im Glas: dunkles Violett, Frucht und Karamell, kräftige Tannine, deutliche Röstnote. Im Handel liegt die Flasche je nach Jahrgang und Händler zwischen 14 und 19 Euro - für einen Wein mit diesem Bekanntheitsgrad bemerkenswert wenig.

Neben dem Big John steht The Legends, eine Bordeaux-Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Merlot, als zweite Säule des Sortiments.

Die 100 Punkte gehören nicht ihm allein

Der Wein, der Scheiblhofer die größte Aufmerksamkeit brachte, ist streng genommen kein Scheiblhofer-Wein. Der Batonnage ist eine Gemeinschaftsproduktion des Club Batonnage, an dem fünf burgenländische Betriebe beteiligt sind: Markus Altenburger aus Jois, Florian Gayer aus Breitenbrunn, Gerhard Kracher und Christian Tschida aus Illmitz sowie Erich Scheiblhofer aus Andau.

Die Cuvée vereint Blaufränkisch und Cabernet Sauvignon vom Leithaberg in Jois mit Merlot aus der besten Andauer Lage und reift 24 Monate in neuen französischen Barriques.

Der Jahrgang 2015 wurde 2018 mit 100 Falstaff-Punkten bewertet - als erster österreichischer Rotwein überhaupt. Der Jahrgang 2019 wiederholte das Ergebnis. Die Bewertungen der übrigen Jahrgänge:

JahrgangFalstaff-Punkte
2015100
201696
201797
201899
2019100
202098

Eine Flasche des 2015er wechselte bei einer Auktion für 270 Euro den Besitzer.

Falstaff-Winzer des Jahres 2021

2021 wurde Erich Scheiblhofer von Falstaff zum Winzer des Jahres gekürt. Die Begründung nannte "Qualität ohne Kompromisse, einen eisernen Willen und ausdrucksstarke Weine" und ordnete ihn stilistisch klar ein: fruchtbetonte Rot- und Weißweine mit kräftiger Statur, ein moderner, internationaler Stil.

Davor gab es bereits andere Auszeichnungen, die weniger mit dem Wein und mehr mit dem Unternehmen zu tun haben. 2017 war Scheiblhofer der erste Winzer Österreichs mit dem Zertifikat "Leitbetriebe Austria", im selben Jahr wurde der Betrieb als bestes Familienunternehmen des Burgenlands ausgezeichnet. 2019 folgte der Titel "Winery of the Year" bei Best of Burgenland.

Vom Weingut zum Tourismusbetrieb

Zwischen 2019 und 2022 baute die Familie neben dem Weingut ein Hotel. The Resort eröffnete im Mai 2022 mit 118 Zimmern und einem 3.500 Quadratmeter großen Spa-Bereich. Rund 120 Arbeitsplätze entstanden dadurch im Seewinkel, einer Region, die sonst eher Menschen abgibt als anzieht.

Dazu kamen weitere Betriebe rund um den Namen: das Restaurant The Quarter, das im Mai 2020 als Pop-up-Heuriger startete und im April 2022 nach Umbau wiedereröffnete, das Gästehaus The Hangover und die Hall of Legends, eine Mehrzweckhalle, die als Barriquelager und als Veranstaltungsort dient.

Beim Thema Energie ging der Betrieb früh eigene Wege: Die Photovoltaikanlage wurde 2020 auf eine Jahresleistung von 668.000 Kilowattstunden ausgebaut, dazu kamen E-Fahrzeuge und eine eigene Ladestation.

Wer über Scheiblhofer spricht, spricht damit längst nicht mehr nur über Wein. Das ist die interessanteste Eigenschaft dieses Betriebs - und der Punkt, an dem sich die Geister scheiden.

Wo Scheiblhofer polarisiert

Ein Weingut dieser Größe mit dieser Stilistik wird in der österreichischen Weinszene nicht einhellig gefeiert. Die Kritik lautet meist: zu viel Holz, zu viel Frucht, zu international, zu wenig Herkunft im Glas. Wer Blaufränkisch vom Schiefer sucht, wird hier nicht fündig.

Die Gegenrechnung ist genauso klar. Der Betrieb verkauft 1,5 Millionen Flaschen an Menschen, die österreichischen Rotwein sonst vielleicht gar nicht kaufen würden. Er hält in einer strukturschwachen Grenzregion mehrere hundert Arbeitsplätze. Und beim Batonnage hat er zweimal bewiesen, dass er auch die andere Disziplin beherrscht, wenn er will.

Beides stimmt gleichzeitig.

Besuch und Kauf

Andau liegt rund 70 Kilometer von Wien entfernt, die Fahrzeit beträgt etwa eine Stunde. Vinothek, Restaurant und Hotel sind am selben Standort in der Halbturnerstraße gebündelt, eine Kombination aus Verkostung und Übernachtung ist damit ohne zweite Anfahrt möglich.

Die Weine sind breit im heimischen Lebensmittel- und Fachhandel gelistet, dazu kommt der Direktverkauf ab Hof. Der Einstieg beginnt im einstelligen Eurobereich, die Reserve-Linien liegen im mittleren zweistelligen.

FAQ - Häufige Fragen zum Weingut Scheiblhofer

Wo liegt das Weingut Scheiblhofer?

In Andau im Bezirk Neusiedl am See, im südöstlichen Seewinkel nahe der ungarischen Grenze. Die Adresse ist Halbturnerstraße 1a, 7163 Andau.

Wie groß ist das Weingut Scheiblhofer?

85 Hektar Eigenfläche und rund 1,5 Millionen Flaschen pro Jahr, davon etwa 70 Prozent Rotwein. Damit gehört der Betrieb zu den größten Weingütern Österreichs.

Wer führt das Weingut Scheiblhofer?

Erich Scheiblhofer, Jahrgang 1978. Er übernahm den Betrieb im Jahr 2000 von seinem Vater Johann Scheiblhofer (1949 bis 2022), der das Weingut 1983 gegründet hatte.

Woraus besteht der Big John?

Aus Zweigelt, Cabernet Sauvignon und Pinot Noir. Die Cuvée Reserve hat 14 Prozent Alkohol und reift zwölf Monate im Barrique. Der Name geht auf Erichs Vater Johann zurück.

Was kostet ein Big John?

Je nach Jahrgang und Händler rund 14 bis 19 Euro für die 0,75-Liter-Flasche.

Welcher Wein von Scheiblhofer hat 100 Falstaff-Punkte?

Der Batonnage 2015 und der Batonnage 2019. Beide sind allerdings Gemeinschaftsproduktionen des Club Batonnage mit fünf beteiligten Betrieben, nicht Weine des Weinguts Scheiblhofer allein.

Wann war Erich Scheiblhofer Winzer des Jahres?

2021, ausgezeichnet vom Falstaff-Magazin.

Kann man beim Weingut Scheiblhofer übernachten?

Ja. The Resort eröffnete im Mai 2022 mit 118 Zimmern und einem 3.500 Quadratmeter großen Spa-Bereich, direkt beim Weingut. Dazu kommen das Restaurant The Quarter und das Gästehaus The Hangover.