Wien als Weinregion - die einzige Metropole mit eigenem DAC
Wien hat 134 Hektar Rebfläche - mitten in der Stadt. Der Wiener Gemischte Satz DAC ist seit 2013 die offizielle Herkunftsbezeichnung. Eine…
Eine Weltstadt mit Weinbergen
Wien ist die einzige Grossstadt weltweit, die ein nennenswertes eigenes Weinbaugebiet innerhalb der Stadtgrenzen hat. 134 Hektar Rebfläche - nicht am Stadtrand, sondern in den nordwestlichen Bezirken der Hauptstadt. Grinzing, Nussdorf, Sievering, Stammersdorf, Mauer: Namen, die Weinliebhaber und Heurigen-Freunde sofort einordnen können. Die Weinberge liegen teils zwischen Wohnhäusern, teils am Waldrand der Wienerwald-Ausläufer, und man kommt mit der Strassenbahn in fünfzehn Minuten vom Zentrum zu den Reben.
Die Region hat eine eigene DAC-Klassifizierung: den Wiener Gemischten Satz DAC. Seit 2013 offiziell, seit 2019 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe Österreichs anerkannt. Der Verband Wiener Wein vertritt die Wiener Winzerschaft. Dazu kommen ernsthafte Qualitätswinzer, die nicht mehr nur auf Heurigen-Niveau arbeiten, sondern international konkurrieren.
Die Lagen: drei Zonen der Stadt
Bisamberg (21. Bezirk) - nördlich der Donau. Hier liegt Stammersdorf, das grösste zusammenhängende Weinbaugebiet Wiens. Lössböden, sanfte Hügel, traditionelle Heurigenkultur. Burgundersorten fühlen sich hier besonders wohl.
Nussberg und Grinzinger Hügel (19. Bezirk) - der klassische Wiener Weinbau. Grinzing, Nussdorf, Sievering, Heiligenstadt, Döbling. Steinige Flysch-Böden, die dem Riesling und Weißburgunder Struktur geben. Direkt unter den Touristenhochburgen liegen einige der hochwertigsten Parzellen Wiens.
Mauer und Oberlaa (Süden) - weniger bekannt, aber qualitativ ernstzunehmend. Lössböden, Schwarzerde. Hier wachsen kräftigere Weissweine und einige Rotweine.
Wiener Gemischter Satz DAC - die einzigartige Tradition
Der Gemischte Satz ist eine alte Wiener Eigentümlichkeit: mehrere Rebsorten werden gemeinsam in einem Weinberg gepflanzt, gemeinsam gelesen und gemeinsam vinifiziert. Keine getrennte Ernte, keine Cuvétisierung im Nachhinein - der Mix entsteht im Weinberg. Diese Tradition war über Jahrzehnte vernachlässigt worden. Sie wurde ab den 1990er Jahren von Winzern wie Fritz Wieninger systematisch wiederbelebt und 2013 mit eigener DAC-Klassifizierung geschützt.
Die Regeln sind klar:
- Mindestens drei weisse Qualitätsrebsorten gemeinsam im Weinberg
- Keine Sorte über 50 % des Anteils
- Die drittgrösste Sorte mindestens 10 %
- Gemeinsame Ernte und Verarbeitung
- Trocken ausgebaut, typisch frisch
Dreistufige Herkunftspyramide: Gebietswein (Wiener Gemischter Satz DAC), Ortswein (z.B. Wiener Gemischter Satz DAC Nussberg), Riedenwein (Einzellagenwein).
Die Sorten im Gemischten Satz
Typisch im Wiener Gemischten Satz sind Grüner Veltliner, Riesling, Weißburgunder, Welschriesling, Chardonnay, Neuburger, Gelber Muskateller und Traminer. Oft auch Zierfandler oder Rotgipfler in kleineren Anteilen. Jeder Winzer stellt seine eigene Mischung zusammen. Ein Gemischter Satz von Wieninger schmeckt anders als einer von Zahel oder Mayer am Pfarrplatz - und genau das ist der Reiz. Es gibt keine einheitliche "Wien"-Aromatik, sondern eine Vielfalt von Stilen innerhalb derselben Regel.
Die wichtigen Winzer
Fritz Wieninger (Stammersdorf, Nussberg) war der Vorreiter der Wiederbelebung. Wieningers Nussberg Alte Reben und Stammersdorfer Gemischte Sätze zählen zu den besten Weinen der Region. Biodynamisch, präzise, international anerkannt. Weingut Zahel in Mauer produziert im Süden Wiens herausragende Weine - der Gemischte Satz Zahel vom Nussberg ist einer der meistverkauften Wiener Spitzen-Weine, bio-zertifiziert. Mayer am Pfarrplatz in Heiligenstadt ist Wiens bekanntester Heurigenbetrieb und ernstzunehmender Qualitätswinzer. Das Haus, in dem Beethoven eine Zeit lang wohnte, ist heute Sitz eines Betriebs mit über 65 Hektar. Weingut Christ in Jedlersdorf, Weingut Lentsch auf der Bisamberg-Seite und Weingut Cobenzl (der Wiener Stadtbetrieb, gehört zur Gemeinde Wien) runden das Portfolio ab.
Heurigenkultur - UNESCO-geschützt
Der Wiener Heurige ist mehr als eine Gaststätte. Ein offener Hof, der den jungen Wein des Jahrgangs ausschenkt, mit kaltem Buffet und oft Live-Musik. Typische Speisen: Liptauer, Grammelpogatscherl, Wurstradeln, Schinken, Aufstriche, eingelegtes Gemüse. Die Wiener Heurigenkultur wurde 2019 in das österreichische immaterielle Kulturerbe aufgenommen.
Es gibt zwei Stufen:
- Echter Heuriger (nach dem Buschenschankgesetz) - darf nur eigenen Wein ausschenken, zeigt durch einen Buschen (Tannenzweig) am Hauseingang, dass er offen hat
- Heuriger/Buschenschank kommerziell - ähnliche Atmosphäre, aber ohne strenge Buschenschank-Regeln
Die echten Heurigen in Stammersdorf, Grinzing, Mauer oder Nussdorf sind das, was Wiener Weinkultur ausmacht. Besonders empfehlenswert: die Heurigenmeile in Stammersdorf, die oft von Einheimischen besucht wird und weniger touristisch ist als Grinzing.
Tourismus
Wiener Weintourismus ist einfach - man ist schon da. Mit der Strassenbahn und Bussen sind alle Weinbauviertel erreichbar. Besonders reizvoll der Wiener Stadtwanderweg 1 durch Kahlenberg und Nussberg (Wanderung durch die Weinberge mit Blick auf die Donau), die Kaasgrabenkirche mit Weinblick, ein Heurigenbesuch in Stammersdorf (Strassenbahn 31) und der Weinwanderweg Grinzing (rund 1,5 Stunden durch die Weingärten).
Die besten Monate: April bis Oktober. Die Heurigen rotieren in ihrer Öffnung - der Wiener Heurigenkalender hilft bei der Planung.
Preise
Wiener Weine sind keine Schnäppchen - die Pachtpreise in der Stadt sind hoch, die Flächen klein. Dafür bekommt man Weine mit echtem Charakter und Herkunftsbezug.
- Einfacher Gemischter Satz (offen oder Flasche): 3,50 bis 6 Euro Viertel im Heurigen, 10 bis 15 Euro die Flasche im Handel
- Ortsweine, Riedenweine: 18 bis 30 Euro
- Top-Gemischter Satz Nussberg (Wieninger, Zahel): 25 bis 45 Euro
Qualität: Wien im internationalen Vergleich
Wiener Weine sind in den letzten 25 Jahren qualitativ enorm aufgestiegen. Fritz Wieninger war dabei die treibende Kraft. Heute stehen Wiener Gemischte Sätze international in einer Liga mit ernstzunehmenden europäischen Weissweinen. Die Falstaff-Bewertungen für Top-Weine liegen regelmässig über 90 Punkten, im Parker-Punkte-System bei 91 bis 94. Für eine Hauptstadt-Weinregion ist das ein beachtliches Niveau.
Einordnung
Wien ist keine grosse Weinregion - aber eine einzigartige. Kein anderer Ort in Europa verbindet Metropolenkultur, lebendige Heurigenszene und ernstzunehmenden Qualitätsweinbau auf derart engem Raum. Wer einen Nachmittag in Wien hat, kann vormittags den Stephansdom besichtigen, nachmittags auf dem Nussberg zwischen den Reben spazieren und abends im Heurigen den Wein dieser Reben trinken.
Für die Heurigenkultur siehe auch den Heurigen-Artikel. Für die Sorten, die in den Wiener Gemischten Sätzen stecken: Grüner Veltliner, Riesling, Welschriesling.
FAQ
Wie gross ist der Weinbau in Wien?
134 Hektar Rebfläche innerhalb der Stadtgrenzen. Damit ist Wien eine kleine, aber eigenständige Weinregion - und die einzige Metropole weltweit mit bedeutendem urbanem Weinbau.
Was ist ein Wiener Gemischter Satz?
Ein Wein aus mindestens drei weissen Qualitätsrebsorten, die gemeinsam im Weinberg gepflanzt, gemeinsam geerntet und gemeinsam verarbeitet werden. Seit 2013 eigene DAC-Klassifizierung.
Welche Sorten sind im Gemischten Satz?
Typisch: Grüner Veltliner, Riesling, Weißburgunder, Welschriesling, Chardonnay, Neuburger, Gelber Muskateller, Traminer. Je nach Winzer unterschiedliche Mischungen.
Wo in Wien wird Wein angebaut?
Hauptsächlich im 19. Bezirk (Grinzing, Nussdorf, Sievering, Heiligenstadt), im 21. Bezirk (Stammersdorf, Bisamberg) und im 23. Bezirk (Mauer, Oberlaa).
Wer sind die besten Winzer in Wien?
Wieninger, Zahel, Mayer am Pfarrplatz, Cobenzl, Christ, Lentsch. Alle mit DAC-Fokus und einige bio/biodynamisch zertifiziert.
Was ist ein "echter" Heuriger?
Ein Heuriger nach dem Buschenschankgesetz, der ausschliesslich eigenen Wein ausschenken darf. Der Buschen (Tannenzweig) am Eingang zeigt an, dass er geöffnet hat. Im Gegensatz dazu schenken kommerzielle Heurigen auch zugekaufte Weine aus.
Wann wurde die Wiener Heurigenkultur UNESCO-geschützt?
2019 wurde die Wiener Heurigenkultur ins österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Welche Heurigen in Wien sind empfehlenswert?
Stammersdorf (Heurigenmeile, authentisch) - Heurige wie Wieninger, Göbel, Lentsch. Grinzing für Touristen - Mayer am Pfarrplatz ist qualitativ hervorragend. Mauer weniger überlaufen - hier der Heurige Zahel.


