Der Beschluss vom 29. Juli

Rund 10 Millionen Liter Rotwein der Jahrgänge 2025 und älter sollen in Österreich vom Markt genommen und zu Industriealkohol gebrannt werden. Dafür hat sich das Präsidium des Österreichischen Weinbauverbands Ende Juli 2026 ausgesprochen. Finanziert werden soll die Aktion aus der EU-Agrarkrisenreserve, Rechtsgrundlage ist Artikel 219 der EU-Verordnung 1308/2013 - jene Bestimmung, die der Kommission ausserordentliche Massnahmen bei schweren Marktstörungen erlaubt.

Der Grund ist ein Marktungleichgewicht bei Rotwein: Der Konsum geht zurück, die Lager sind voll, und ein Teil der Ware findet keinen Abnehmer mehr. Reinhard Zöchmann, Präsident des niederösterreichischen Weinbauverbands, hat gegenüber ORF Niederösterreich die entscheidende Bedingung genannt: Ohne EU-Geld ergibt die Destillation keinen Sinn.

Stand 11. August 2026 liegt der Antrag noch nicht in Brüssel. Das Landwirtschaftsministerium erarbeitet derzeit die Kennzahlen dafür.

Wie viel 10 Millionen Liter wirklich sind

Die Zahl klingt gewaltig, wird aber erst im Verhältnis lesbar. Statistik Austria hat für 2025 eine Weinproduktion von 2,56 Millionen Hektolitern ermittelt, davon 1,86 Millionen Hektoliter Weisswein und 701.000 Hektoliter Rotwein. Der Weinbestand lag zum Stichtag bei 2,65 Millionen Hektolitern.

10 Millionen Liter sind 100.000 Hektoliter. Das entspricht:

  • rund einem Siebtel der österreichischen Rotweinernte 2025
  • knapp vier Prozent des gesamten Weinbestands
  • etwa 13,3 Millionen Flaschen zu 0,75 Litern

Die Menge löst also kein Strukturproblem. Sie nimmt Druck aus den Kellern, damit die Ernte 2026 überhaupt Platz findet - und genau darin liegt die Dringlichkeit, denn die Lese startet heuer bereits Mitte August.

Was Deutschland zahlt

Deutschland ist Österreich einen Schritt voraus. Die EU-Kommission hat den deutschen Antrag Ende Juli genehmigt: bis zu 24 Millionen Liter aus Württemberg und Rheinhessen, ebenfalls Jahrgang 2025 und älter. Winzer erhalten laut top agrar 43 Cent pro Liter plus 16 Cent für Logistik- und Brennkosten, insgesamt stehen 14,16 Millionen Euro an EU-Mitteln bereit. Der gewonnene Alkohol darf ausschliesslich industriell verwendet werden, etwa für Desinfektionsmittel oder Energie, keinesfalls für Lebensmittel oder Getränke.

Frankreich bewegt sich in einer anderen Grössenordnung: Dort sind laut Vinaria bis zu 770 Millionen Liter angemeldet. Gemessen daran ist die österreichische Menge eine punktuelle Hilfe.

Das gab es schon einmal

2020 lief in Österreich bereits eine Krisendestillation, und die Parallelen sind auffällig. Der Genossenschaftsweinkeller Wolkersdorf kaufte damals bis zu 10 Millionen Liter Wein des Jahrgangs 2018 und älter auf, zu einem Fixpreis von 35 Cent netto pro Liter. Bedingung: mindestens 12 Prozent vol Alkohol und Marktfähigkeit. Gebrannt wurde bei Agrana in Pischelsdorf, der Alkohol ging in die Desinfektionsmittel-Produktion. Zunächst galt eine Obergrenze von 25.000 Litern je Betrieb - ein Tankwagen -, bei Lagerbeständen über 500.000 Liter das Doppelte. Diese Grenze wurde später aufgehoben.

Der Auslöser war ein anderer: Nach der Schliessung der Gastronomie im März 2020 blieben bis Mitte Mai rund 23 Millionen Liter unverkauft. Damals brach die Nachfrage über Nacht ein und kam zurück. Diesmal sinkt sie langsam und dauerhaft. Gleiche Menge, gleiche Mechanik, anderer Befund.

Warum ausgerechnet Rotwein

Der Rückgang trifft die Farben ungleich. 2025 lag die Weissweinproduktion 15 Prozent über dem Fünfjahresschnitt, die Rotweinproduktion mit 701.000 Hektolitern exakt im Schnitt - bei gleichzeitig sinkendem Absatz. Im Handel wurden 2025 etwa fünf Prozent weniger Wein gekauft, in der Gastronomie 4,6 Prozent weniger. Nachgefragt werden Weisswein, Sekt, Rosé und alkoholfreie Varianten; schwerer Rotwein steht am anderen Ende dieser Bewegung.

Betroffen sind damit vor allem die Rotweingebiete: Neusiedlersee, Carnuntum und das Mittelburgenland mit ihren Schwerpunkten auf Zweigelt und Blaufränkisch. Zu destillieren wäre allerdings nicht der Riedenwein aus der Spitzenlage, sondern Fassware aus dem unteren Preissegment, für die sich kein Käufer findet.

Die eigentliche Debatte heisst Rodung

In der Branche gilt die Destillation als Notbremse, nicht als Lösung. Die Antwort auf dauerhafte Überproduktion ist die Verkleinerung der Rebfläche - und dafür hat das im Februar 2026 beschlossene EU-Weinpaket den Rahmen geschaffen. Das Europäische Parlament stimmte am 10. Februar zu, der Rat am 23. Februar. Seither dürfen Mitgliedstaaten in begründeten Krisenfällen nationale Zahlungen sowohl für die Destillation als auch für die freiwillige Rodung produktiver Rebflächen leisten.

Zwei Details aus dem Paket sind umstritten:

  • Der Deckel: Für Krisenmassnahmen wie Destillation und Grüne Lese dürfen höchstens 25 Prozent der verfügbaren EU-Mittel eines Mitgliedstaats eingesetzt werden.
  • Die Sperrfrist: Nach einer EU-geförderten Rodung sind in derselben Produktionszone zehn Jahre lang keine neuen Pflanzgenehmigungen möglich. Österreichische und deutsche Weinbauverbände halten das für zu starr, weil es auch jene Betriebe trifft, die später umstellen statt aufhören wollen.

Daneben stehen im Paket Instrumente, die in die andere Richtung wirken: Für Informations- und Werbemassnahmen in Drittländern übernimmt die EU bis zu 60 Prozent der Kosten, über drei Jahre, zweimal um je drei Jahre verlängerbar.

Die zweite Baustelle: Flavescence dorée

In derselben Sitzung hat das Präsidium einen nationalen Krisenstab gefordert - nicht nur wegen des Absatzes. Die Quarantänekrankheit Flavescence dorée, übertragen von der Amerikanischen Rebzikade, breitet sich in der Steiermark und im Burgenland aus. Die Bekämpfung ist auf Landesebene vorgeschrieben und umfasst Rodungspflicht und Insektizideinsatz. Der Verband will erreichen, dass betroffene Betriebe für das Roden befallener Weingärten und eine anschliessende Brachezeit Geld bekommen. Ein Betrieb, der roden muss, hat sonst den doppelten Schaden: die Ernte weg und die Fläche für Jahre unproduktiv.

Was davon im Regal ankommt

Für den Einkauf ändert sich wenig. Destilliert wird Ware, die ohnehin keinen Abnehmer hat, nicht der Flaschenwein aus dem Handel. Und die Preise zeigen, worum es geht: 35 Cent pro Liter im Jahr 2020, 43 Cent in Deutschland heute - das liegt weit unter jedem Erzeugerpreis und ist als Schadensbegrenzung gedacht, nicht als Geschäft.

Wer den Rotweingebieten trotzdem konkret helfen will, findet die Antwort nicht in der Statistik, sondern im Glas. Blaufränkisch aus dem Eisenberg oder ein gut gemachter Zweigelt aus Carnuntum kosten im Ab-Hof-Verkauf zwischen 9 und 15 Euro und sind derzeit von einem Überangebot betroffen, das mit ihrer Qualität nichts zu tun hat. Der Jahrgang 2025 gilt bei den Roten als fruchtbetont und elegant, mit strukturierten Blaufränkischen aus späteren Lesen.

FAQ - Häufige Fragen zur Krisendestillation

Was ist eine Krisendestillation?

Eine EU-finanzierte Notmassnahme, bei der unverkäuflicher Wein zu Alkohol gebrannt und aus dem Markt genommen wird. Sie greift bei schweren Marktstörungen und wird pro Fall von der EU-Kommission genehmigt.

Wie viel Wein soll in Österreich destilliert werden?

Rund 10 Millionen Liter Rotwein der Jahrgänge 2025 und älter. Das entspricht etwa einem Siebtel der österreichischen Rotweinernte 2025.

Was passiert mit dem Alkohol?

Er darf ausschliesslich industriell verwendet werden. In Deutschland sind Desinfektionsmittel und Energieerzeugung vorgesehen, 2020 ging der österreichische Alkohol in die Desinfektionsmittel-Produktion. Lebensmittel und Getränke sind ausgeschlossen.

Was bekommen Winzer pro Liter?

Für Österreich steht der Betrag noch nicht fest. 2020 waren es 35 Cent netto pro Liter, in Deutschland sind es aktuell 43 Cent plus 16 Cent für Logistik und Brennkosten.

Ist mein Lieblingswein davon betroffen?

Sehr wahrscheinlich nicht. Gebrannt wird Fassware im unteren Preissegment, für die es keinen Abnehmer gibt, nicht abgefüllter Flaschenwein aus Handel oder Ab-Hof-Verkauf.

Warum trifft es Rotwein und nicht Weisswein?

Weil der Konsumrückgang bei Rotwein am stärksten ist. Weisswein, Sekt, Rosé und alkoholfreie Weine halten sich deutlich besser, während schwere Rotweine überproportional verlieren.

Gab es das in Österreich schon einmal?

Ja, 2020 während der Corona-Krise. Damals wurden ebenfalls bis zu 10 Millionen Liter aufgekauft, abgewickelt über den Genossenschaftsweinkeller Wolkersdorf und gebrannt bei Agrana in Pischelsdorf.

Was wäre die Alternative zur Destillation?

Die Verkleinerung der Rebfläche durch Rodung. Das EU-Weinpaket 2026 erlaubt dafür nationale Prämien, koppelt sie aber an eine zehnjährige Sperre für neue Pflanzgenehmigungen in derselben Produktionszone.

Wann ist mit einer Entscheidung zu rechnen?

Offen. Der österreichische Antrag war Anfang August 2026 noch nicht in Brüssel eingebracht; das Landwirtschaftsministerium arbeitet an den Kennzahlen. Deutschland erhielt die Genehmigung rund einen Monat nach Antragstellung.