Uhudler - der Direktträgerwein aus dem Südburgenland
Erdbeerduft, Reblausgeschichte und eine Rechtslage, die von Rebsorte zu Rebsorte anders ausfällt: der Sonderfall des österreichischen…
Kein Wein aus einer Sorte
Uhudler ist keine Rebsorte, sondern ein Verschnitt. Er entsteht aus Direktträgern - Reben, die nicht auf amerikanische Unterlagen veredelt sind, sondern wurzelecht auf eigenen Wurzeln wachsen. In der Regel werden mehrere dieser Sorten gemeinsam ausgebaut, oft rote und weisse zusammen. Das Ergebnis ist ein rosé- bis hellrot schimmernder Wein mit einem Aroma, das kein anderer österreichischer Wein hat.
Die vier heute gängigen Sorten sind Ripatella, Delaware, Concord (Concordia) und Elvira. Sie sind gegen Reblaus und Pilzkrankheiten von Natur aus widerstandsfähig, weshalb im Uhudler-Weingarten kaum gespritzt werden muss. Viele Betriebe arbeiten deshalb ohnehin biologisch.
Der Anbau ist eng begrenzt. Das Landwirtschaftsministerium nennt rund 38 Hektar in den Bezirken Jennersdorf und Güssing, mit Heiligenbrunn und Eltendorf als Zentren. In Presseberichten kursiert auch die Zahl 50 Hektar. Egal welche stimmt: Es geht um eine Fläche, die kleiner ist als das, was ein einziges größeres burgenländisches Weingut bewirtschaftet.
Die Reblaus hat ihn ins Land gebracht
Um 1870 erreichte die Reblaus Österreich und vernichtete die europäischen Weingärten. Die Rettung kam aus Amerika: Reben, die mit dem Schädling seit jeher zurechtkamen. Die meisten wurden als Unterlage verwendet, auf die man europäische Sorten aufpfropfte - das ist bis heute Standard im gesamten europäischen Weinbau.
Ein Teil der Reben wurde aber gar nicht veredelt, sondern direkt gepflanzt. Für Kleinbauern im armen Südburgenland war das die naheliegende Lösung: kein Pflanzgut kaufen, kein Spritzmittel, kein Ausfall. Der Wein daraus war Haustrunk, nicht Handelsware.
Den Namen bekam er erst spät. Er taucht nach 1950 im Südburgenland auf. Zwei Erklärungen halten sich: Die eine führt ihn auf die Frauen zurück, die ihre heimkehrenden Männer mit dem Satz begrüssten, sie schauten aus wie ein Uhu. Die andere leitet ihn vom "Udler" ab, einem Tongefäss mit zwei Öffnungen.
Sechzig Jahre im Halbschatten
Die Geschichte des Uhudlers im 20. Jahrhundert ist eine Geschichte von Verboten. Ab 1929 mussten Direktträgerweine gesondert gekennzeichnet werden. 1936 wurde der Verschnitt mit Qualitätswein untersagt. Die Auflagen verschärften sich weiter, bis 1985 ein vollständiges Verkaufsverbot stand - der Uhudler galt rechtlich als Nachahmungsprodukt.
Getrunken wurde er trotzdem, nur eben im Keller und unter der Hand. 1989 gründete sich der Verein der Freunde des Uhudlers, und die Lobbyarbeit wirkte: Mit der Weingesetznovelle vom August 1992 war der Uhudler wieder legal. Der burgenländische Landtag liess daraufhin sieben Direktträgersorten zu: Ripatella, Delaware, Concordia, Elvira, Noah, Isabella und Othello.
Drei Jahre später trat Österreich der EU bei - und ein Teil dieser Sorten war wieder ein Problem.
Der Methanol-Mythos
Über kaum einen anderen Wein wurden so hartnäckige Gerüchte verbreitet: Uhudler mache blind, wahnsinnig, aggressiv. Schuld sei ein erhöhter Methanolgehalt.
Die Grundlage dafür sind Studien aus den 1960er-Jahren, die Direktträgerweine für gesundheitsschädlich erklärten. Bereits in den 1970er-Jahren wurde diese Behauptung von mehreren Wissenschaftlern widerlegt. Vergleichende Untersuchungen zeigen, dass der Methanolgehalt von Uhudler im selben Bereich liegt wie bei anderen Weinen.
Dass sich das Gerücht so lange gehalten hat, hatte handfeste Gründe: Ein verrufener Wein liess sich leichter verbieten als ein geschätzter.
Die Rechtslage ist sortenspezifisch
Hier wird oft pauschal etwas Falsches behauptet - etwa, Uhudler dürfe nicht als Wein verkauft werden. Das stimmt so nicht. Die Antwort hängt an der einzelnen Rebsorte.
Die EU-Weinmarktordnung (Verordnung 1308/2013) lässt als Keltertrauben nur Vitis vinifera und deren Kreuzungen zu. Sechs klassische Direktträgersorten fallen nicht darunter: Noah, Othello, Isabella, Jacquez, Clinton und Herbemont. Für sie fand Österreich die sogenannte Obstweinlösung. Am 23. Mai 2016 beschloss der Nationalrat eine Weingesetznovelle, die diese Sorten rechtlich vom Wein- in den Obstweinbereich verschiebt. Damit sind Erzeugung und Verkauf abgesichert, die weinrechtlichen Vorschriften zu Kellerbuch, önologischen Verfahren und Kataster bleiben aufrecht.
Der Preis dafür: Diese sechs Sorten dürfen nicht neu ausgepflanzt werden. Was steht, darf weiterbestehen - mehr nicht.
Die übrigen gängigen Uhudler-Sorten, allen voran Concord, Delaware, Elvira und Ripatella, werden weiterhin als Wein vermarktet, allerdings nicht als Qualitätswein. Sie stehen in der burgenländischen Rebsortenverordnung als vorübergehend zugelassene Sorten und sind dort bis Ende 2030 befristet. Ob es danach weitergeht, entscheidet sich nicht in Eisenstadt, sondern in Brüssel: Ohne Änderung der gemeinsamen Marktordnung läuft die Ausnahme aus.
Für einen Wein, den es seit über hundert Jahren gibt, ist das eine bemerkenswert unsichere Zukunft.
Wie er schmeckt
Der Uhudler ist säurebetont und hat wenig Alkohol, oft zwischen 9 und 11 Prozent. Das Aroma erinnert an Walderdbeere, Himbeere und Ribisel, manche schmecken auch Weichsel heraus. Fachlich heisst dieser Charakter Foxton - ein Begriff aus der amerikanischen Rebenkunde, der auf den Geruch eines nassen Fuchsfells anspielt und nicht als Kompliment gemeint war.
Genau dieser Ton macht den Reiz aus. Wer Uhudler zum ersten Mal probiert und österreichischen Wein kennt, wird ihn zunächst für einen Fruchtwein halten. Er ist keiner: Die Trauben sind Trauben, nur eben andere.
Die Farbe liegt zwischen Lachsrosa und Hellrot. Als Rosé sollte man ihn trotzdem nicht bezeichnen - das ist eine geschützte Kategorie mit eigenen Regeln.
Getrunken wird er kalt, zwischen 8 und 10 Grad, klassisch zu Speck, Käse und Brot. Neben dem Wein gibt es Frizzante, Traubensaft, Essig und Marmelade aus denselben Trauben.
Heiligenbrunn: 108 denkmalgeschützte Keller
Wer den Uhudler an seinem Ursprungsort erleben will, fährt nach Heiligenbrunn im Bezirk Güssing. Das Kellerviertel an den Hängen von Zeiner- und Stifterberg besteht aus rund 140 Gebäuden, die teils ins 18. Jahrhundert zurückreichen.
Es sind keine Keller im üblichen Sinn, sondern Blockbauten aus Holz, verputzt mit einem Gemisch aus Lehm und Häcksel, gekalkt und mit Stroh gedeckt. Gebaut wurde mit dem, was da war. 1969 stellte das Land Burgenland das Areal unter Landschaftsschutz, zwischen 1983 und 1986 kamen 108 der Keller unter Denkmalschutz.
Dazu passt die für die Region typische Übernachtungsform: das Kellerstöckl, ein kleines Presshaus mit Wohnraum darüber, heute meist als Ferienunterkunft vermietet. Die Weinidylle Südburgenland bündelt die Betriebe und Führungen der Region.
FAQ - Häufige Fragen zum Uhudler
Was ist Uhudler?
Ein Wein aus Direktträgerreben im Südburgenland, meist als Verschnitt mehrerer Sorten. Die Reben sind wurzelecht, also nicht auf amerikanische Unterlagen veredelt. Typisch sind der Erdbeer- und Himbeerton und die kräftige Säure.
Aus welchen Rebsorten besteht Uhudler?
Die vier gängigen sind Ripatella, Delaware, Concord (Concordia) und Elvira. Historisch kommen Noah, Isabella und Othello dazu, die heute rechtlich als Obstwein gelten.
Ist Uhudler gesundheitsschädlich?
Nein. Die Behauptung stammt aus Studien der 1960er-Jahre und wurde in den 1970er-Jahren widerlegt. Der Methanolgehalt liegt im Bereich anderer Weine.
Darf Uhudler als Wein verkauft werden?
Das hängt von der Sorte ab. Noah, Othello, Isabella, Jacquez, Clinton und Herbemont gelten seit der Weingesetznovelle vom Mai 2016 als Obstwein. Die Sorten Concord, Delaware, Elvira und Ripatella werden als Wein vermarktet, aber nicht als Qualitätswein.
Was passiert 2030 mit dem Uhudler?
Die burgenländische Rebsortenverordnung befristet die vorübergehend zugelassenen Sorten mit Ende 2030. Für eine Fortsetzung müsste die EU ihre gemeinsame Marktordnung für Wein ändern.
Wie viel Alkohol hat Uhudler?
Meist 9 bis 11 Prozent - deutlich weniger als die üblichen österreichischen Weissweine.
Wo kann man Uhudler verkosten?
Im Südburgenland, in den Bezirken Güssing und Jennersdorf. Das Kellerviertel Heiligenbrunn mit seinen strohgedeckten Kellern ist der bekannteste Ort dafür.
Woher kommt der Name Uhudler?
Er tauchte erst nach 1950 auf. Eine Erklärung verweist auf angetrunkene Männer, die "wie ein Uhu" dreinschauten, eine zweite auf den "Udler", ein Tongefäss mit zwei Öffnungen.


